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Tabus in der Berufswelt

Verantwortlicher Autor: Prof. Dr. Richard Streich Paderborn, 12.10.2020, 17:11 Uhr
Presse-Ressort von: Prof. Dr. Richard K. Streich Bericht 5588x gelesen
Tabus in der Berufswelt
Tabus in der Berufswelt  Bild: Brian A Jackson shutterstock.com

Paderborn [ENA] Tabus in der Berufswelt beziehen sich auf stillschweigende Übereinkünfte in einer Unternehmenswirklichkeit und nicht auf ausdrücklich formulierte Verbote oder offizielle Spielregeln (vgl. im Folgenden Saller Th./ Mauder, S./Flesch, S: Tabu, 2016, S. 25 ff).

Die gängigen Tabus in Unternehmen können klassifiziert werden in solche mit generellen und solche mit speziellen Wirkungsfeldern. Generelle Tabus, bezogen auf das Gesamtunternehmen sind: Das Nichtstun-Tabu ... wer beschäftigt ist, ist wichtig! / Das Entscheidungs-Tabu ... Entscheidungen sind rational, nicht emotional zu treffen und zu begründen! / Das Gehalts-Tabu ... über Geld spricht man nicht! / Das Experten-Tabu ... Expertenwissen schafft Macht und Ansehen! / Das Erfahrungs-Tabu ... die Dauer der Betriebszugehörigkeit zählt! / Das Feedback-Tabu ... je höher in der Hierarchie, desto weniger ehrliches Feedback! / Das Seilschaften-Tabu ... wer gehört zu wem ist wichtig! / Das Status-Tabu ... gemeinsame Statussymbole verbinden!

Auch im Rahmen des individuellen Auftretens und des erwarteten Verhaltens im Berufsalltag ergeben sich generelle Leitlinien, deren Einhaltung „zum guten Ton“ gehören und ein Nichtbefolgen persönliche Konsequenzen beinhalten kann. Diese vielfach als „Business-Knigge“ bezeichneten Handlungsvorschläge umfassen sowohl Anleitungen für einen sozial akzeptierten Dress-Code als auch Hinweise für ein tolerierbares Verhalten am Arbeitsplatz (vgl. u.a.: Quittschau, A./Tabernig, C.: Business-Knigge, 2019; Oppel, K.: Business Knigge international, 2015).

Unter dem Motto "Kleider machen Leute", findet man zum Beispiel die folgenden gutgemeinten Hinweise: Keine Kurzarm-Hemden tragen! / Hemd oder Bluse sollten niemals über der Brust spannen! / Der Gürtel ist mit der Schuhfarbe abzustimmen! / Keine Mützen oder Hüte in geschlossenen Räumen tragen! / Blanke Männerwaden mit Kniestrümpfen verdecken! / Röcke nie über Kniehöhe!

Nach dem Motto: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance, werden folgende Aktionen vorgeschlagen: Schreibtisch sauber halten, Unordnung assoziiert Unzuverlässigkeit! / Telefonieren in angemessener Lautstärke! / Private Anrufe mit Rückruf beantworten! / Titelträger mit Titel ansprechen! / E-Mails vor Versenden kontrollieren! / Keine E-Mail-Weiterleitung ohne Einwilligung des Absenders! / Keine Smileys im Geschäftsverkehr! / Keine Abkürzungen als Abschiedsformel! / Bei Verspätungen anrufen, nicht SMS senden oder e-mailen! / Handy ausschalten bei Meetings!

Die vorgenannten generellen „Ratschläge“ (vgl. zu den Beispielen: Focus: Der Karriere-Knigge, 2012) und deren Ausprägungen können als ein Indikator für die vorherrschende Unternehmenskultur ebenso herangezogen werden, wie die nachfolgenden Ausführungen. Die speziellen Tabus in Unternehmen beziehen sich z.B. auf sozial gewünschte Verhaltensweisen gegenüber spezifischen Teilgruppen und Beziehungsfelder im Unternehmen.

Aus Mitarbeiter-Perspektive sind besonders jene Tabus zu beachten, die Ihre Beziehung zu Ihrer Führungskraft betreffen (vgl. Lürssen, J: Die heimlichen Spielregeln der Karriere, 2006, S. 193 ff). Beispiele: Übergehen Sie nicht Ihre Führungskraft! / Beschweren Sie sich nicht über Ihre Führungskraft bei dessen Chef! / Reden Sie nicht schlecht über Ihre Führungskraft! / Stellen Sie Ihre Führungskraft nicht vor Anderen bloß! / Widersprechen Sie Ihrer Führungskraft nicht im Beisein von Anderen! / Seien Sie vorsichtig bei Kontakten mit den Feinden Ihrer Führungskraft! / Respektieren Sie das Lieblingsprojekt Ihrer Führungskraft!

In der Beraterpraxis des Autors wurden diese und andere Tabus in zahlreichen Workshops in Unternehmen erhoben, klassifiziert, analysiert und auf ihren Realitätsgehalt hin überprüft. Die Tabus richteten sich dabei auf unterschiedliche Unternehmensebenen, Funktionen und Akteure. Exemplarisch zum Vorgenannten wurden z.B. folgende Tabus bei einem Vorstandskontakt genannt: Übergehe nie den Vorstandsbereich eines Vorstandes! / Bereite Entscheidungen stets so vor, dass der Vorstand das letzte Wort behält! / Komme nie ohne visuelle Vorlage zum Vorstand! / Schalte Dich nie in Vorstandskämpfe ein! / Kritisiere nie andere Kollegen im Vorstandskontakt!

Aus der Führungskraft-Rolle heraus waren u.a. folgende Tabus typisch: Informiere immer hierarchisch! / Suche bei Problemen nach Lösungen und nicht nach Schuldigen! / Gehe Veränderungen stets konsensorientiert an! / Sei erreichbar, jederzeit! / Finde die Meinungsmacher für Deine Themen! / Nicht viel reden, mehr tun! / Nehme die persönlichen Belange Deiner Mitarbeiter ernst! / Zeige eine hohe Leistungsbereitschaft und Loyalität!

Tabus in Unternehmen sind allgegenwärtig und ein integraler Bestandteil der jeweiligen Unternehmenskultur. Die Unternehmenskultur beinhaltet dabei die langfristig entwickelten kollektiven Erwartungen des Unternehmens an einen „guten“ Mitarbeiter und an eine „gute“ Führungskraft. Hierdurch wird der Handlungsspielraum von erwartetem und erwünschtem bzw. nicht erwünschtem Verhalten inkl. seinen Grenzen, Spielregeln und Sanktionsmechanismen definiert. Gewollte kulturelle Veränderungen sind demzufolge langfristig anzulegen und bedürfen vielfältiger, vernetzter Maßnahmen (vgl. Sackmann, S.: Unternehmenskultur. Erkennen – Entwickeln – Verändern, 2. Auflage, 2017).

Ein Tabubruch bedeutet, dass soziale Normen und herrschende Vorstellungen öffentlich werden und Unausgesprochenes damit offiziell wird. Tabus sind das „Schmiermittel“ für das Miteinander. Sie geben Sicherheit im gemeinsamen Umgang und sind für Außenstehende schlecht erfass- und interpretierbar. Neuen Mitarbeitern ist anzuraten, möglichst frühzeitig Kontakt mit langjährigen Beschäftigten aufzunehmen um die herrschenden Tabus zu erkennen, damit sie nicht schon frühzeitig auf dem Unternehmensparkett „ausrutschen“. Für den interessierten Leser*in finden Sie weitere Ausführungen zu solchen „Tretminen“ im Berufsleben in der Publikation „Minenfelder im Beruf“ des Autors.

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