Dienstag, 17.09.2019 14:36 Uhr

Reisestationen zum Selbst

Verantwortlicher Autor: Prof. Dr. Richard Streich Paderborn, 16.01.2019, 17:31 Uhr
Presse-Ressort von: Prof. Dr. Richard K. Streich Bericht 4544x gelesen
Persönlichkeit
Persönlichkeit  Bild: fotolia.com

Paderborn [ENA] Der Weg zur individuellen Persönlichkeit in der Berufs- und Privatsphäre ist gekennzeichnet durch die erfolgreiche Bewältigung von vielfältigen Dilemma-Situationen im Wechselspiel von selbstgesetzten und fremdgesteuerten Anforderungen und Erwartungen (vgl. im Folgenden, Streich 2016).

Dieser Weg zu sich selbst verlangt dabei mehrere Reise-Stationen. Einen ersten Bezugspunkt bildet das Bewusstmachen der aktuellen Lebenssituation (Selbstwahrnehmung). Darauf aufbauend sind die Fähigkeiten und Fertigkeiten zum kritisch-konstruktiven Dialog mit sich und seiner Umwelt bedeutsam (Selbstreflexion). Schlussendlich sollten die dabei gewonnenen Erkenntnisse „selbstverständlich“ dauerhaft in persönlichkeitsadäquates Handeln überführt werden (Selbstregulierung), damit eine überzeugende Identität (Persönlichkeit) erreicht wird.

Vielfältige Untersuchungen zeigen, dass das Lebensfeld „Beruf“ oftmals zu Lasten der privaten Welt wahrgenommen wird (vgl. Streich 2006, 2010; Haufe-Akademie 2009). Für Leitungs- und Leistungsträger in Organisationen bestehen insbesondere die Gefahren verschiedener Überlaufsituationen vom Berufs- ins Privatleben. Erhebungen über das Entstehen solcher Überlaufhandlungen zeigen, dass durch eine hohe Bindung an die Arbeit mentale Überläufe wahrscheinlicher werden. Des Weiteren sind aktionale Überläufe prognostizierbar aufgrund der Intensität des beruflichen Engagements. Emotionale Überläufe sind je nach beruflichen Erfolgen/Misserfolgen beobachtbar und werden auch vom sozialen Umfeld der Akteure wahrgenommen und bewertet (vgl. Streich 2012).

Die persönlichen Handlungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Situation sind aufgrund biografischer und sozialer Gegebenheiten individuell sehr unterschiedlich. Sie sollten darauf ausgerichtet sein, hierdurch eine insgesamt höhere Lebenszufriedenheit zu erreichen. Dies bringt Vorteile für den Einzelnen, die Partnerschaft, das Unternehmen, die nähere Umwelt und mittelbar für die Gesellschaft. Daher stehen der Akteur und seine Möglichkeiten, das Spannungsfeld zu bewältigen, unter dem Stichwort „Coach yourself“ im Vordergrund. Ausschlaggebend hierfür ist zunächst einmal das Wahrnehmen eines problembehafteten Zustandes zwischen Berufs- und Privatleben.

Neben dem Erkennen ist der Wille bedeutsam, aktiv an einer Neugestaltung des Spannungsfeldes zu arbeiten, statt es (un-)bewusst zu stabilisieren (vgl. zur Selbsterkenntnis Martens 2013). Dies ist vorrangig abhängig vom individuellen Leidensdruck zur Situationsbewältigung. Letztendlich konzentriert sich die individuelle Persönlichkeitsentwicklung darauf, eingefahrene Verhaltensbahnen zu verlassen oder abzuschwächen, neue auszuprobieren und diese in ein aktives Verhaltensrepertoire – sofern sie zur persönlichen Entwicklung beitragen – zu integrieren.

Das kognitive Erkennen einer problembehafteten Situation reicht nicht aus. Erst das aktive Tun leitet den Bewältigungsprozess ein. Es empfiehlt sich, angestrebte Verhaltensänderungen öffentlich zu machen. Somit wird auch in der Umwelt eine Erwartung erzeugt, die auf den Handelnden einen Erwartungsdruck auslöst. Ein persönlicher „Änderungsvertrag“ z.B. mit Vertrauten enthält einen größeren Aufforderungsdruck als eine reine Abmachung mit sich selbst. Dieser Druck kann noch gesteigert werden, indem man seine schriftlichen Abmachungen mit sich selbst bzw. anderen analog zu wichtigen und dringenden beruflichen Vorgängen „auf Termin“ legt.

Innovative Veränderungswillige können unter Nutzung der neuen Medien Wetten auf sich und ihre Ziele abschließen. Im Internet bietet z.B. die Plattform www.stickk.com solche Möglichkeiten an. Gelingt es dem Wettenden nicht, sein Veränderungsvorhaben in der von ihm definierten Form und Zeit zu realisieren, geht der eingesetzte Geldbetrag an eine von ihm gewählte Wohltätigkeitsorganisation. Die Überprüfung des Erfolges oder Misserfolges seines Veränderungsprojektes wird durch einen unabhängigen Dritten sichergestellt.

Diese Form der virtuellen Selbsthilfe wendet dabei das bekannte Prinzip der Verhaltensökonomie an, nachdem Menschen ihre Ziele mit höherer Wahrscheinlichkeit erreichen, wenn etwas dabei auf dem Spiel steht. Noch größer wird die Erfolgswahrscheinlichkeit, wenn man im Falle des Versagens eine Organisation vorab benennt, die man keinesfalls mit seiner Spende unterstützen will (vgl. o.V., Focus 2012).

Literaturhinweise: Haufe-Akademie: Führungskräfte-Studie 2009; Martens, A.: Wer bin ich? Wie bin ich? Was will ich? Lernprojekt Selbsterkenntnis, in: managerSeminare, Nr. 180, 3/2013, S. 30-36; Streich, R.K.: Work-Life-Balance in: Hofmann, L./Linneweh, K./Streich, R.K. (Hrsg.): Erfolgsfaktor Persönlichkeit, 2006, S. 129 ff.; Streich, R.K.: Managerrollen und Rollenhandhabung, in: golfmanger 03/2010, S. 7-9; Streich, R.K.: Work-Life-Balance von Leistungsträgern, in: golfmanger 04/2010, S. 16-20; Streich, R.K.: Life-Balance-Management von Führungskräften, in: Personal Entwickeln, 5/2012, 6.105, S. 1-20; Streich, R.K.: Fit for Leadership, 2. Aufl., SpringerGabler-Verlag, 2016, S. 222ff.

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